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Moderne Sklaverei

„Wegwerfmenschen“

 

Zusammenfassung

Millionen Menschen leben weltweit unter Bedingungen moderner Sklaverei. Der Global Slavery Index spricht von rund 40 Millionen Menschen. Sklaverei hat viele Gesichter: Neben „klassischen Sklavenverhältnissen“ existieren unterschiedliche Formen von Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft oder Menschenhandel. Gemeinsam ist allen Formen, dass Sklavinnen und Sklaven unter Androhung von Gewalt zur Arbeit gezwungen werden, dass sie nicht bezahlt und wirtschaftlich ausgebeutet werden und nicht gehen dürfen, wann und wohin sie wollen. Heute ist es die Armut, die Menschen in die Sklaverei zwingt und noch nie waren SklavInnen so billig wie heute: Sie sind “Wegwerfmenschen”, die leicht ersetzt werden können.

Mit den meisten Formen von Sklavenarbeit kommen wir gar nicht in Berührung. Für diese Installation haben wir Produkte und Dienstleistungen ausgewählt, die in unserem Alltag eine Rolle spielen. So stellt sich automatisch die Frage: Wer produziert, was wir kaufen? Wie können wir politisch oder durch unser Einkaufsverhalten gegen diese härteste Form der Ausbeutung vorgehen?

Die Installation befindet sich direkt neben einem Diorama in der Westafrika-Ausstellung, das eine Sklavenjagd darstellt und gegenüber einer Vitrine mit Manillen, die im 16. bis 18. Jahrhundert als „Sklavengeld“ bekannt waren.

Im Detail

  • Zentrales Stück der Installation ist ein Touchscreen-Computer, der auf Augenhöhe in eine Holzsäule eingefasst wurde. Der Startbildschirm zeigt einen Verkaufsautomaten, der neun Gegenstände abbildet, die entweder für sich selbst (Schokolade, Textilien, Schmuck, ein Grabstein) oder für eine Dienstleistung stehen (z.B. für Prostitution). Wird ein Gegenstand berührt, so fällt er in einen virtuellen Warenkorb und auf dem Bildschirm erscheinen Informationen über Arbeitsbedingungen sowie Karten und Bilder. 
  • Ein zehnter Gegenstand im Verkaufsautomaten ist ein Globus. Wird er gewählt, so erscheinen Zahlen und Daten zur modernen Sklaverei.
  • Eine kleine Nische unter dem Monitor enthält zwei Manillen als Hands-on-Objekte.
  • Eine Infotafel über dem Bildschirm definiert den Begriff „Sklave“ und gibt einen Überblick über den „Preisverfall“ anhand historischer Quellen und aktueller Studien.
  • Maße: 700 mm Breite, 490 mm Tiefe und 2350 mm Höhe, angepasst an die sich unmittelbar anschließende Vitrine.
  • Die Installation bezieht sich auf Millenniumsentwicklungsziel (MDG) 1 „Beseitigung der extremen Armut und des Hungers“, insbesondere Zielvorgabe 1B: Produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle, einschließlich Frauen und junger Menschen”, sowie auf Ziel 8: „Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft“. Sie berührt ebenso Themen wie Kinderarbeit und Gesundheit. (MDG 2 + MDG 5+6).
Übersicht_Textil

Übersicht der Installation zum Thema "Moderne Sklaverei"

Screen_Slavery

Der Startbildschirm zeigt einen Verkaufsautomaten mit neun verschiedenen Gegenständen

Globe_Slavery

Über das Globus-Symbol gelangen die BesucherInnen zu weiteren Zahlen und Fakten zum Thema

Manillen_Slavery

Unter dem Monitor befinden sich Manillen als Hands-on-Objekte

    Budget

    Schreinerarbeiten / Holz für die „Säule“, Befestigung der Manillen und Sicherung der Säule an der angrenzenden Vitrine

    600 €

    Design der Touchsreen-Tableaus und Layout der Infotafel

    600 €

    All-in-one-PC und Programmierung

    1420 €

    Druck des Infotexts auf Folie und Anbringen der Folie

    120 €

    Manillen

    aus der Sammlung

    Gesamtsumme

    2740 €

    Schritt-für-Schritt-Anleitung

    1. Schritt

    Die Idee

    Wählen Sie zusammen mit den PartnerInnen ein passendes Objekt oder Thema.

    In unserem Fall bot sich mit dem Thema Sklaverei/ Manillen in der Dauerausstellung ein natürlicher Anknüpfungspunkt. Außerdem wollten wir eine Möglichkeit bieten, Ausstellungsstücke in Form von Hands-on-Objekten zugänglich zu machen. Das ist bei Manillen gut möglich.

    Andere mögliche Anknüpfungspunkte könnten historische Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit in Europa, Landwirtschaft, aber auch einzelne Produkte sein, die mit erzwungener Arbeit hergestellt wurden oder werden. Auch die Verbindung zu einer Person, die biografisch mit dem Thema verbunden ist, ist ein guter Ansatzpunkt. Ganz wichtig: Schaffen Sie eine möglichst einfache und eingängige Verbindung zu den vorhandenen Ausstellungsteilen. Die Verbindung kann im Gegenstand, im Material, in den Akteuren oder in der Art der Geschichte liegen, die ein Objekt „erzählt“.

    Ein Problem war die Begrenzung des Themas. “Moderne Sklaverei” ist ein sehr unscharfer Begriff. Durch die Auswahl der Beispiele konnten wir das Thema eingrenzen, zum einen zahlenmäßig, zum anderen durch die Verbindung zu uns als direkten Konsumenten.

    Da der Raum begrenzt war, war frühzeitig klar, dass die Installation klein sein muss. Ein Touchscreen-Computer war für uns ideal: Wir konnten Monitor und Hands-on-Objekte in der Vertikalen präsentieren und per Monitor die Information abrufbar “verstecken”.

    2. Schritt

    Der Plan

    Entwerfen Sie einige Skizzen zu Ihren Ideen und diskutieren Sie sie mit den Beteiligten. Überschlagen Sie schon einmal die Kosten und entwickeln Sie einen Zeitplan.

    Erstellen Sie anschließend eine Skizze, auf die sich alle einigen können und präzisieren Sie Ihren Zeitplan.

    3. Schritt

    Dienstleistungen

    Im Fall dieser Installation waren die zwei großen Posten (neben dem Design) die Schreinerarbeit und die Programmierung. Kosten lassen sich minimieren, wenn Sie das entsprechende Knowhow im Haus haben. Wir mussten auf “eingekaufte” Dienstleistungen zurückgreifen. 

    Insbesondere bei Touchscreen-Installationen und Programmierungen unterscheiden sich die Angebote erheblich und nach oben gibt es keine Grenze. Wägen Sie Ihre Bedürfnisse, die Zahl der erwarteten BesucherInnen und die finanziellen Möglichkeiten gegeneinander ab.

    • Wie viele Ebenen brauchen Sie, wie viel Animation möchten Sie?
    • Wie viele BesucherInnen hat das Museum? Wie alt sind sie?
    • Wie lange wird die Installation im Haus sein?
    • Wie wird der Rechner an uns ausgestellt? Was passiert, wenn das Programm sich „aufhängt“?
    • Wie kann er befestigt werden?

    Tipp: Versuchen Sie einen Schreiner zu finden, der schon einmal einen Rechner eingebaut hat. Prüfen Sie in jedem Fall die Höhe des Bildschirms. Sind die Sichtverhältnisse auch für Menschen im Rollstuhl noch gut? In unserem Fall wurde der Rechner auf einer Höhe von 1200 mm eingepasst.

    4. Schritt

    Ausarbeitung des Inhalts

    Lesen und Recherchieren stehen am Anfang und laufen parallel zur Planung der Installation. Wir haben versucht, eine möglichst große Bandbreite zu zeigen. Kritisches Lesen ist eine Selbstverständlichkeit. Aber vor allem bei diesem Thema, das in der Grauzone der Illegalität angesiedelt ist, sind konkrete Zahlen oft schwierig zu finden.

    Geben Sie Ihre Texte frühzeitig an Ihre PartnerInnen zum Diskutieren und Korrigieren weiter.

    5. Schritt

    Bilder und Karten

    Neben Bildern wählten wir auch Karten, um die jeweils genannten Länder zu visualisieren. Gute Bilder fanden wir bei flickr, Terres des Hommes, UNICEF und bei Fairphone. Die InhaberInnen des Copyrights sind oft bereit, ein Bild für einen guten Zweck zur Verfügung zu stellen. Nicht vergessen: Berufsmäßige FotografInnen sind auf Honorare angewiesen.

    Tipp: Die Angaben zu Quellen und Fotonachweise lassen sich bei einer Rechneranwendung leicht und unauffällig einarbeiten.

    6. Schritt

    Korrekturschleifen

    Bitten Sie Ihre PartnerInnen Korrektur zu lesen. Falls Sie einen Lektor im Budget berücksichtigt haben, umso besser. Besprechen Sie mit der Designerin, dem Designer, wie viele Korrekturschleifen inklusive sind. Mit zwei bis drei müssen Sie rechnen. Erst wenn das Design der einzelnen Seiten steht, gehen die Grafiken an die ProgrammiererInnen.

    7. Schritt

    Testen

    Besprechen Sie mit den ProgrammiererInnen, wie Sie auf den Anfangsbildschirm zurückkommen, wie lange ein Bild stehen soll, bevor es auf den Startbildschirm zurückspringt und wie für NutzerInnen sichtbar wird, was sie schon gesehen haben. Hier ist ein unmittelbarer Test oft schlecht möglich, wenn die Firma außerhalb Ihrer unmittelbaren Umgebung ist. Lassen Sie sich Screenshots und ggf. Filme zusenden. Eine weitere Korrekturschleife wird auch hier nötig sein. Unser Rechner fährt übrigens immer hoch, wenn der Strom bei Öffnung des Museums angestellt wird.

    8. Schritt

    Schreinerarbeiten

    Der Schreiner/die Schreinerin hat die Maße in der Ausstellung genommen und entsprechend den Rohkörper gebaut. Nun muss er oder sie den Rechner einpassen (s.o. denken Sie an die richtige Höhe). Wichtig ist, dass der Rechner gut fixiert wird, denn es werden auch ungeübte Finger dagegen drücken. Achten Sie auf genügend Luftzufuhr und darauf, dass der USB-Steckplatz offen zugänglich ist, um gegebenenfalls Updates vornehmen zu können. Der Rechner muss gleichzeitig gegen unerwünschte BesucherInnen-Manipulation geschützt sein.

    9. Schritt

    Fertigstellung

    Die Manillen fixierten wir in ihrer Nische mit festem ummanteltem Stahlband. Am besten eignet sich Band, das sich selbständig wieder einzieht. Bei dieser Installation entschieden wir uns für Druckfolie, die unmittelbar auf die geschreinerte Platte aufgezogen wurde. 

    Fixieren Sie die „Computersäule“ an ihrem Platz.

    Unsere Erfahrungen

    Pro & Contra

    Pro

    • Bildschirminstallation macht neugierig auf das, was „dahinter“ liegt.
    • Hands-on-Objekte stellen eine Beziehung zur gegenüber stehenden Vitrine her und erklären sie. Sinnliches Erlebnis des „Begreifens“
    • Es ist schmal und braucht nur ganz wenig Platz
    • Es zeigt nur wenig offensichtlichen Text.

    Contra

    • Zahlen müssen regelmäßig aktualisiert werden.

    Lernerfahrungen

    • Um Kosten zu sparen, griffen wir auf eine öffentliche Einrichtung zurück. Der Nachteil war, dass die Zeitplanung nicht verlässlich war. In diesem Fall entsprach leider auch das nötige Knowhow nicht unseren Standards.

    Besucherreaktionen

    • In der BesucherInnenbefragung wurde diese Installation als eine der besten bewertet.
    • Bei Führungen entstehen gerade hier sehr lebhafte und fruchtbare  Diskussionen über den Begriff der Sklaverei.
    • Einige wenige Besucher bemängeln das „Technische“ an der Installation.

    Internetlinks + andere Quellen

    Bales, K. und B. Cornell: Moderne Sklaverei, Hildesheim 2008. Kevin Bales ist US-amerikanischer Soziologe, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema Sklaverei in der Gegenwart beschäftigt.

    Zeuske, Michael: Handbuch Geschichte der Sklaverei: Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 2013.

    earthlink e.V.: earthlink ist eine Organisation, die – wie viele andere auch –  gegen Kinderarbeit aktiv ist. Hier können Sie sich unter anderem anzeigen lassen, inwieweit bestimmte Marken auf die faire und ethische Produktion ihrer Waren achten.

    www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de

    Walk Free Foundation: Der Verein sammelt Beispiele für moderne Sklaverei und versucht Zahlen zu ermitteln (in Englisch)

    www.globalslaveryindex.org

    Der Spiegel: Videoanimation zum Global Slavery Index

    www.spiegel.de/video/animation-moderne-sklaverei-video-1538890.html

    Slavery Footprint: Hier können Sie „spielerisch testen“, wie viele Sklaven für Sie arbeiten. Die Seite leitet weiter zu einer Kampagne: Sie können direkt an Firmen Ihrer Wahl schreiben, um Aufklärung über deren Produktionsstandards zu bekommen (in Englisch).

    www.slaveryfootprint.org

    Lisa Kristine: Eindrucksvolle Bilder zum Thema „Moderne Sklaverei“

    www.ideas.ted.com/2014/06/26/images_of_modern_slavery/

    Terre des hommes: Zwölf Jahre, Sklave

    www.tdh.de/fileadmin/user_upload/inhalte/04_Was_wir_tun/Themen/Kinderarbeit/2014-06_Studie-Zwangsarbeit-bei_Kindern.pdf

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